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Ich langweilte mich und ging in meinem Arbeitszimmer auf und ab, auf der Suche nach jener Art von schöpferischer Kraft, die ich schon seit langer Zeit außerstande war wahrzunehmen. Ich betrachtete all jene Materialien, Arbeiten, die ich selbst erschaffen und verwirklicht hatte, doch sie waren mir fremd, so als hätte sie ein anderer geschaffen. Ein Spaziergang in einer öden Welt voller Werke, die zur Form erstarrte Erinnerungen sind, für die ich abwechselnd Haß und Zärtlichkeit empfinde, wie etwa einer alten Liebe gegenüber.
Zum Glück klingelte das Telefon, sein durchdringendes Klingeln riß mich aus den Klauen jener Besessenheit, unbedingt eine Lösung zu finden.
„Ciao, ich bin‘s, Bruce Allan aus Bristol.”  „Ciao Bruce, wie geht es dir?”  „Danke gut, und dir?” Auch ich antwortete ihm, dass es mir gut gehe, wenngleich mir bewusst war, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Ich hatte keine Lust, mich in ein Telefongespräch verwickeln zu lassen, obgleich auch er ein Bildhauer ist. Nachdem wir einige mehr oder weniger belanglose Sätze ausgetauscht hatten, erzählte er mir, dass er an einem neuen Projekt arbeite, für das er Träume brauche. “Hör mal Gino, könntest du nicht einen deiner Träume niederschreiben und mir schicken?” Verdammt! Das gibt mir zu denken. Seit verflucht langer Zeit träume ich nicht mehr oder erinnere mich zumindest nicht mehr daran, geträumt zu haben. Fest steht, dass nichts mehr hängenbleibt.
“Bruce, ich will sehen, was ich machen kann. Ich schicke dir etwas, sobald ich es habe. Lass es dir gut gehen, wir hören voneinander. Ciao.” Ich hasse es, wenn man mich um Dinge bittet, die mich in meinem tiefsten Hadern berühren, die den Finger in die Wunde legen und mich mit der immer wiederkehrenden, unlösbaren Frage nach der Unfähigkeit zu arbeiten konfrontieren. Ich setze mich an den Computer und lasse meine Gedanken schweifen, auf der Suche nach einem Vers, einem Satz, der imstande ist ein Bild plastisch entstehen zu lassen.

Giosuè…

Giosuè ist ein Junge, der den ganzen Tag auf einer Bank sitzend im Park verbringt. Er hat eine dieser Baseballmützen, die er verkehrt herum trägt. Zum ersten Mal nahm ich ihn während einer Sommerveranstaltung wahr, bei der ein Ballett aufgeführt wurde. Er klatschte immerzu, in jeder noch so erdenklich kurzen Pause. Ihm war der Rhythmus der Tanzaufführung nicht bewusst; genau wie im Leben, auch der Rhythmus des Lebens war ihm nicht bewusst. Tatsächlich bewegte er sich immerzu außerhalb des Lebenstaktes. Giosuès Vater arbeitet als Ingenieur bei einem Firma die Trettminen aus Plastik entwickelt, die auch von Minensuchern unauffindbar sind. Giosuè ist ein Kind der im Dienst des Bösen handelnden Kreativität. Er hat jedoch nicht die Beine bei einer Minenexplosion verloren, sondern vielmehr den Anschluss an das Leben. Ich hab‘ von ihm immer gedacht, er hätte kein Wissen um Schmerz und Leid, dass er dieses nie hatte, nie gehabt hatte; in der Tat bereitet ihm jedes noch so kleine Geschenk oder jede winzige Aufmerksamkeit Freude; er redet kaum, schaut, beobachtet und er lacht. Dann und wann hab‘ ich den Eindruck, das Leben hätte ihn geküsst, vor allem wohl deshalb, weil es ihn von den wirklich wesentlichen Problemen fernhält.

Irgendwann sah ich ihn auf dem Friedhof. Es war an einem jener glühenden Nachmittage im August, voll sengender Sonne, an denen die Einsamkeit alles zu beherrschen scheint, und während du im warmen Raum, der nach Zypressenzapfen duftet, fortschreitest, tauchst du in den Beklemmungen auslösenden Rhythmus deiner Schritte ein, die den kiesbedeckten Boden treten. Giosuè saß im Schatten einer Zypresse und lauschte den Zikaden. Ein Stückchen weiter ein alter Kinderwagen, mit Plastiktüten beladen, in denen er all seine Habseligkeiten aufbewahrte. Ich grüßte ihn und fragte ihn, was er dort mache. Auch er grüßte mich und sagte nichts weiter, schaute mich nur auf naive Weise an und ging. Ich sah, dass er neben einem Grabmal gesessen hatte, das aus einer zerbrochenen Marmorsäule bestand. Es war das Grab eines in den fünfziger Jahren verstorbenen Mädchens. Es gab auch ein altes Bild, auf dem sie im Tanzkostüm zu sehen war. Sie war schön und mochte vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein. Sie hieß Celeste. Je mehr ich das Bild fixierte, um so mehr schien es mir, als ob sie sich bewegte, sich um sich selbst drehend wie die kleine Tänzerin einer großen Spieluhr aus Marmor, ein langsamer, vom Gesang der Zikaden begleiteter Tanz.
Viel später erzählte man mir, dass er dort oft zu sehen war. Ich hab‘ mich immer gefragt, was ihn zum Friedhof hinzog. War es die Ruhe dieses Ortes oder war es morbide Neugierde dem Tod gegenüber, von dem er nicht weiß, was er denn ist.

Einmal habe ich geträumt, dass sie Giosuè erschlagen hatten, ihm den Schädel eingeschlagen hatten. Sie waren zu viert oder zu fünft, schwarz gekleidet und schlugen ihn, versetzten ihm immer wieder Fußtritte, auch als er schon am Boden lag. Dann erwachte ich und hatte immer noch das Bild vor Augen, wie ihm das Blut aus dem Mund floß und war zutiefst aufgewühlt und beunruhigt bis ich endlich begriff, dass alles nur ein Traum war.

Heute habe ich Giosuè wiedergesehen, er saß auf der anderen Seite der Straße. Als ich sah, wie er seinen Kinderwagen schob, habe ich ein Gefühl der Erleichterung verspürt. Ein Bild, das aus einer Sequenz schnell aufeinander folgender Momentaufnahmen bestand, die durch den dichten Verkehr immer wieder unterbrochen wurde. Es ist mir gelungen, seinen Blick zu erahnen und während er mir zulächelte, habe ich in jenem Lächeln grenzenlose Weisheit und ein Meer an Gelassenheit gesehen.



© Gino Tavernini  (Juni 98)

DER TRAUM
1998/2008

Kurze Geschichte aus einer Phase künstlerischer Dehydratation
DER TRAUM